|
|
Aufrüstung
|
|
Beim Mittagstisch gibt es eigentlich nur zwei Themen:
Mein Auto oder mein Haus.
Zu beiden Themen habe ich wenig zu sagen.
Ich habe ein 15 Jahre altes Auto einen französischen Kleinwagen und ein 200 Jahre
altes Haus, das eine braucht hin und wieder einen Ölwechsel, das andere hin und wieder
einen neuen Dachziegel.
Beides sind zuverlässige Gebrauchsgegenstäde.
Mehr nicht.
Somit beschränken sich meine Wortbeiträge zum jeweiligen Thema auf kurze,
mitunter witzige, manchmal auch spitze, meistens blöde Bemerkungen.
Gestern war Auto dran.
Angesichts der Tatsache das der gehobene Mittelklassewagen eines
Kollegen nun doch schon drei Jahre alt ist, wurden die Kriterien erörtert, die beim
Kauf eines Neuen zu beachten sind. Fazit: das Wichtigste bei der heutigen Aggressivität
im Straßenverkehr ist eine aufnahmefähige Knautschzone.
Jeder trug eine Story vor, in der er natürlich unschuldig, durch umsichtiges Handeln,
durch uneigennützige Vollbremsungen, und durch aufopferungsvolle Ausweichmanöver
das Schlimmste verhindern konnte. Man steigerte sich, schließlich fanden Crashs statt,
Autoteile flogen durch die Luft, zum Schluß Blut, Menschenteile ...
Plötzlich merkte ich, alle Blicke waren auf mich gerichtet, ich war an der Reihe.
Ich sah auf meinen Teller, Spaghetti mit Tomatensoße, ich sah Blut, Menschenteile ...
Ich träumte mich davon.
Ich träumte mich in ein Land, in eine Welt, in der es keine Knautschzonen, keinen
Seitenaufprallschutz, keine Airbags gibt, in eine Welt in der alle Menschen wissen das ein
Crash sehr weh tut, in eine Welt in der alle Menschen so fahren, daß ein Crash niemals
stattfindet.
Als ich wieder erwachte ging es um Antischlupfregelung und ABS, damit könne man
einerseits die vielen Pferdchen verlustfrei auf die Straße und zum anderen wieder
zum Stehen bringen, dank Knautschzone unabhängig davon ob der Nachfolgende ABS
hat oder nicht.
Ich sah auf meinen Teller einen großen Rest Spaghetti mit Tomatensoße, sah in
Runde und ging mit einem freundlichen Kopfnicken.
rk. 1998
|
|