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Die Wilden Sechziger
Begonnen hat das Ganze Mitte der sechziger Jahre (womit die Altersfrage geklärt ist) mit einem Schulbanknachbarn, dessen Vater "bei der Post" war.

Mit dem bei der GST (wer weiß was das ist ?!) erworbenen "Mopedschein" in der Tasche bekam ich das Angebot für einen Stundenlohn von 1,93 Mark am Wochenende als Eilzusteller auf Simson SR II mit gelben Tank Telegramme in meiner Heimatstadt Eisenach zuzustellen. Obwohl ich derzeit noch aktiver Radsportler war und mit Verachtung alles Motorisierte ablehnte nahm ich das Angebot aus pekuniären Gründen an.

Der Job machte Freude, wenn es Telegramme mit Blumen waren (gib dem Jungen Mann ein Stück Torte) und war sehr ernst, wenn die Telegramme einen schwarzen Rand hatten. Einer meiner Kollegen hieß Reinhard, leerte mit einem R35-Gespann die Briefkästen in der Stadt und fuhr privat eine Sport-AWO. Als erstes fiel mir auf, daßer sehr oft die kostenlose (Buch des Vertrauens) Betriebstankstelle frequentierte. Mit den vielen Wochenenden die ich im "Amte" verbrachte wuchs einerseits mein Vertauen zu ihm und andererseits aber auch trotz begrenztem Fahrspaß die Freude am motorisierten Fahren. Als zweites förderndes Moment kam hinzu, daß ein anderer Mitschüler, dessem Vater Pfarrer war mich einlud mit dem "Dienstroller" Typ Troll des Herrn Superintendenten ein paar Runden zu fahren (Er durfte das, er mußte infolge mehrerer erfolgloser Fahrversuche zwei Schuljahre pausieren und war somit zwei Jahre älter). Um ein richtiges Motorrad fahren zu dürfen war ich also noch zu jung so wurde das Einkommen eines Sommers und die in der Garage gestapelten, kraftstoffgefüllten Behälter aller Art der Anfang einer Motorradkarierre auf SR II.

SR2
Simson "Kleinkraftrad" SR2

Zum frühestmöglichen Zeitpunkt hatte ich die Klasse Eins in der Tasche. Musikalische Fähigkeiten wurden als Pianist bei einem Kabarett vermarktet, eine begonnene Lehre brachte auch ein regelmäßiges wenn auch bescheidenes Einkommen - aber es reichte keinesfalls. Bis heute ist mir die spontane Vorfinanzierung einer nagelneuen ES 150 durch meinen Vater unerklärlich - denn Sachsen, Schwaben und Schotten (ersteres trifft zu) stehen alle in dem gleichen Ruf. Vielleicht war auch er infiziert, ich erinnere mich dunkel an Erzählungen in denen handgeschaltete Wehrmachtsmotorräder mit Rückwärtsgang vorkamen - ich kann ihn nicht mehr fragen.

ES150
MZ ES 150

Meine Lehrzeit als Schlosser in einer (damals) namenhaften Automobilfirma brachte zweierlei: erstens eine gediegene handwerklich - technische Ausbildung die mir heute noch sehr nützlich ist und zweitens viele Freunde die genauso waren. Die gesponserte MZ zahlte ich (aus Prinzip) konsequent in kleinen und kleinsten Raten zurück. Als Einnahmequelle diente weiterhin das Kabarett, eine Band "Black-Birds" in der ich die Tasten und ein wenig Gesang vertrat wurde ein finanzielles Manko und war nur von kurzer Lebensdauer. Jetzt begann ich erstmals meine pädagogischen Fähigkeiten zu vermarkten - als Betreuer in Kinderferienlagern auf der Insel Rügen. Da waren die Ostsee, freie Unterkunft und Verpflegung und eben auch ein paar Kinder, die wir irgendwie in Schach gehalten haben. Diese vielen "Nebentätigkeiten" führten zwangsläufig zur Krise, ein Gespräch zwischen Schule und Vater - und wieder handelte er ganz in meinem Sinne - gelobte Besserung, denn er hätte mich lieber als Pianist oder wenigstens Künstler, denn als Schlosser gesehen.

Die drei Jahre "Berufsausbildung mit Abitur" waren die Unbeschwertesten. Täglich waren wir auf Tour, erkundeten an den Wochenenden Thüringen und in den Ferien den (damaligen) Rest der Welt. Im Jahre 1970 startete ich zu meiner ersten großen Tour. Allein mit meiner ES machte ich mich auf den Weg nach Ungarn um mich dort mit meiner "Westverwandschaft" zu treffen. Das war auch schon deshalb riskant, weil ich am zweiten Jahrestag "des Einmarschen der Waffenbrüder" gerade in Prag war. Es ging aber alles gut - und es machte höllisch Freude. Noch heute reise ich gerne alleine - es ist der höchste Ausdruck von Freiheit.

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