Am 11.11. des Jahres 1989 überquerte ich zu Fuß die wenige Meter neben meiner
Wohnung in Vacha gelegene Werrabrücke um am
gegenüberliegenden Ufer das Land Hessen zu betreten. Endlose Fahrzeugschlangen
schoben sich über improvisierte Straßen und Grenzübergänge.
Das gepriesene System erklärte seinen Bankrott und keiner war Willens es zu
verteidigen.
Mobilität war gefragt. So wurde das Begrüßungsgeld und die Zuwendungen
von Verwandten in einen uralten Ford Fiesta investiert. Mangels weiterer "konvertierbarer"
Mittelbeschränkte sich der Radius der Ausflüge auf den Tankinhalt und die
mitgeführten Behälter. Um die Nordsee zu sehen, hatte ich etwa 60 Liter in
diversen Behältnissen im Kofferraum.
Mit der Wirtschafts- und Währungsunion wurde es möglich über neue Urlaubsziele
nachzudenken. Selbstverständlich Österreich, die Alpen. Dank der Unterstützung
des österreichischen Automobilclubs (Kühler, Bremsen, Auspuff) wurde diese vierwöchige
Rundtour zum prägenden Erlebnis. Seitdem verging kein Jahr indem ich nicht ein oder
zweimal vor allem das Land Kärnten mit seinen faszinierenden Bergen und seinen
sympathischen Menschen besucht habe.
Die kleine MZ half mir besonders bei der Erkundung der hessischen und fränkischen
Rhön. Erst jetzt fiel mir auf, daß sich Motorradfahrer grüßen. Ich merkte,
daß das Motorradfahren einen neuen, höheren Stellenwert bekommen hatte.
Das Motorrad war zwar immer für mich ein Symbol der Freiheit, aber die Freiheit fehlte.
Im Sommer 1990 erkundete ich den Spessart. Beim Kartenstudium hielt neben mir ein Motorrad,
dessen Fahrer sich anbot mir ein paar schöne Strecken zu zeigen. Ob wohldie Leistungen
unserer Maschinen sich um fast eine Zehnerpotenz unterschieden, waren wir dem ganzen Tag
gemeinsam unterwegs. Ich bedauere seine Einladung zum Abendessen in Steinau an der
Straße nicht angenommen zu haben, sollte er diesen Text lesen, möge er sich
bei mir melden - ich nehme jetzt die Einladung an.
Natürlich hatten die Veränderungen auch Auswirkungen auf mein berufliches Dasein.
Mein endloses Studieren mußte ein Ende haben und es galt in bewegten Zeiten meinen
Arbeitsplatz
zu konsolidieren. Beides gelang mir. So waren die Jahre bis zur Promotion 1993 Jahre
intensivster Arbeit in denen meine Reisesucht nur bedingt ausgelebt werden konnte.
Zu einem Geburtstag, der statistisch etwa die Lebensmitte anzeigt schenkte ich mir ein
neues Motorrad.
Ich war bekannt bei allen Motorradhändlern im Umkreis von 100 Kilometern. Die
Auswahl war groß. Im Angedenken an meine AWO waren die Kriterien klassisch, schwarz
und stark - die Restriktionen waren vor allem finanzieller Art. Im Ergebnis dieses
Optimierungsproblems fiel die Wahl auf die CB500.
Sofort bei der Übergabe vereinbarte ich den ersten Inspektionstermin - übermorgen.
Es begann ein exzessives Reisen. Andorra, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland,
Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz, Slowenien,
Spanien waren die Ziele. Nein es waren Wege - es gibt keine Reisetagebücher, keine Fotos
aberunvergeßliche Eindrücke. Die Strände von Kreta, die Atlantikküste.
Die Pyrenäen, die Alpen, norwegische Fjorde. Endlose Straßen im Süden
Frankreichs und in Finnland. Lebendige Großstädte Athen, Stockholm, Wien.
Wo es mir gefiel blieb ich ein paar Tage.
Bis heute hat sich dieser Zustand kaum geändert. Auch in diesem Sommer werde ich
auf große Fahrt gehen.